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The blog of Felix Hooss

Die Liebe in Zeiten von Facebook

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Foto: www.craftsquatch.com

Vor ein paar Wochen ist mir etwas Blödes passiert: Ich wollte mich auf meinem Facebook-Account einloggen. Als ich gerade auf die ungelesenen Nachrichten klicken wollte, merkte ich gerade noch, dass es gar nicht mein Postfach war. Ich befand mich im Account meiner Freundin… Ohne jetzt die grassierende Facebook-Datenschutz-Paranoia befeuern zu wollen, beschreibe ich kurz, was passiert ist: Sie hatte sich wohl vorher auf meinem Computer nicht richtig ausgeloggt, jedenfalls kam, nachdem ich mein Passwort eingegeben hatte, eine Fehlermeldung (was mich wunderte), ich kam dann aber trotzdem rein (was mich im Nachhinein noch mehr wundert) – in ihren Account.

Die komplette virtuelle Identität meiner Partnerin lag also für einige Momente vollkommen frei zugänglich vor mir. Und ich… loggte mich sofort aus und fühlte mich trotzdem irgendwie schuldig. Ich habe ihr sofort gestanden, dass ich für Facebook wenige Augenblicke lang fälschlicherweise ihre Identität angenommen hatte und geschworen, dass ich nichts angeguckt habe, was mich nichts angeht.

Diese Anekdote muss ich kurz anfügen, um zu zeigen, was ich von Sozialen Netzwerken und Privatsphäre halte. Grundsätzlich bin ich der Meinung, jeder darf im Netz so viel oder wenig von sich preisgeben, wie er selbst mag (abgesehen davon, dass ich die Selbstzensoren bei Google Street View auslache).  Mir persönlich ist es auch relativ egal, welcher Multikonzern sich aufgrund meiner Präferenzen im Netz genötigt sieht, mir personalisierte Werbung zukommen zu lassen. Aber was der Partner so im Netz macht, ist doch bitte schön dessen Angelegenheit und gehört ebenso wie SMS und Anruflisten nicht kontrolliert. Als sich meine Freundin lange nach mir bei Facebook anmeldete, hatten wir sogar eine kurze Phase, in der wir nicht virtuell befreundet waren. Eben aufgrund der Frage, ob man dem anderen nicht mit jedem Pinnwandeintrag einer/eines Fremden einen neuen Pseudo-Kontrollgrund liefert.

Vor wenigen Tagen erreichte mich dann auf eben jenem Facebook die Nachricht einer Freundin aus Uni-Zeiten:

Hallo Zusammen! Ich löse mein Profil demnächst auf, ich habe dann mit meinem Freund zusammen ein Profil!

Waaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaas?! Geht’s noch? Ich muss sagen, dass mich die Nachricht schwer getroffen hat. Meine Idee von Selbstdarstellung im Netz (dieser Blog ist offensichtlich ein Teil davon), meine Idee von Partnerschaft im Allgemeinen – all das ist ins Wanken geraten. Und ich stelle mir seit Tagen diese eine Frage: Warum?

Und die Ankündigung ist wahr geworden: Das alte Profil der Uni-Freundin existiert nicht mehr, stattdessen bekam ich die Tage eine Freundschaftsanfrage von ihr und ihrem Freund und deren neuem Profil (eine bizarre Mischform ihrer zweiten Vornamen oder so etwas in der Art…). Ich habe sie nicht angenommen und ich werde sie nicht annehmen. Weil dieses Profil für mich den Sinn sozialer Netzwerke ad absurdum führt. Ein Beispiel: Wie sollte denn bitte eine Nachricht aussehen, die ich Freundin und Freund schreibe? Hallo Freundin, wie geht’s? Wollen wir uns nicht mal wieder auf ne Spezi treffen? Also, falls das für dich, Freund, in Ordnung ist. Wir kennen uns ja überhaupt nicht, deshalb wäre es irgendwie komisch, wenn du dabei wärst. Oder macht ihr jetzt alles zusammen? Da ihr dies ja beide lest, könnt ihr das unter euch ausmachen und mir dann einfach Bescheid geben…

Und sonst? Jemanden auf einem Foto verlinken, auf dem der Partner zufällig nicht mit drauf ist? Eine Nachricht an die Pinnwand schreiben, die nicht beiden gewidmet ist? Ein witziges Video posten, von dem man nicht weiß, ob es der besseren Hälfte des eigentlichen Adressaten gefällt? Tschuldigung, aber das ist doch totaler Quatsch!

Ich werde all das nicht tun und ärgere mich ein wenig über die Ignoranz des Pärchens, zu glauben, dass irgendein ernsthafter Facebook-User so einen Blödsinn mitmacht. Vor allem stellt sich aber doch die Frage: Was um Himmels Willen könnte der Anlass sein, sein virtuelles Ich komplett aufzugeben und durch ein virtuelles Wir zu ersetzen? Ist denen denn nicht klar, dass Menschen wie ich ihr Profil boykottieren werde? Dass diese Reaktionen dazu führen werden, dass sie vereinsamen, am Ende nur noch sich haben in der weiten Welt des Web?

Eine Kollegin von mir hat dieses Verhalten unter dem Begriff “absolute Paarwerdung” zusammengefasst. Es ist die Steigerung dieses Pärchengetues: Man schottet sich ab, vernachlässigt seine Umwelt, irgendwann unterschreibt man E-Mails mit Freund und Freundin, irgendwann hat man eine gemeinsame E-Mail-Adresse und dann… ein gemeinsames Facebook-Profil. Die absolute Paarwerdung, das absolute Paar!

Vielleicht ist das für manche die Krönung jeder Romantik, das höchste Ziel, das Golden Goal der pefekten Beziehung, in der es keine Individuen gibt, nur noch “Wir”. In mir löst der Gedanke alle erdenklichen körperlichen Abwehrreaktionen aus und ich kann auf die oben gestellte Frage des “Warum?” bei aller Überlegung nur die eine Antwort finden: Kontrolle.

Angeblich sind Facebook und Co. in den USA bereits für jede fünfte Scheidung verantwortlich. Der Grund: irgendwann kontrolliert man eben doch die Privatnachrichten des Partners und stolpert über dessen Techtelmechtel. Soziale Netzwerke erleichtern es einem ja auch ungemein, mal eben easy per Mail und Chat mit der netten Arbeitskollegin / dem Grundschulfreund zu flirten, ohne dass es jeder mitkriegt. Sich einen Account zu teilen, erleichtert die Kontrolle des Partners natürlich sehr, wirft jedoch die Frage nach dem Sinn des Ganzen – sowohl der gemeinsamen virtuellen Identität, als auch der Beziehung als solche – auf.

Ich werde die Pärchen-Freundschaftsanfrage jedenfalls schön ignorieren, meine eigene virtuelle Identität schärfstens verteidigen und nur ab und zu nachfragen, wer der hässliche Schmock ist, der sich schon wieder erdreistet, meine Freundin auf seinem Foto zu verlinken…

Geschrieben von hozy

Januar 9, 2011 um 18:26

Veröffentlicht in Beziehung, Internet, Social Media

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