Schmidt, du geile Sau!
Journalist ist – speziell in Deutschland – ein merkwürdiger Berufsstand. Denn erstens ist der Journalismus bei uns kein geschützter Bereich. In Italien ist es etwa so, dass man ein staatlich anerkanntes Zertifikat braucht, um sich offiziell Journalist nennen zu dürfen. Dafür müssen die Italiener eigens eine Prüfung ablegen.
Bei uns kann jeder frei publizieren und sich dafür Journalist nennen. Durch Blogs wie diesen hier, in denen jeder seinen Senf ablassen darf, wird sich dieses Phänomen weiter verstärken. Man braucht keine Berufsausbildung, keine Redaktion mehr, um seine Meinung tausenden von potentiellen Lesern mitzuteilen.
Zweitens haftet dem Journalismus in Deutschland nach wie vor etwas Schmuddeliges an. Die Berufsgruppe zählt zu den ungeliebtesten überhaupt. Zwar versorgen wir die Menschen mit Informationen darüber, was sich in der Welt so tut und sind dabei im besten Fall selbst unsichtbar. Doch gelten Journalisten gemeinhin als eher schmierige, unseriöse Gesellen, die vielleicht eigentlich lieber Autoren geworden wären, bei denen es dann aber nicht ganz gereicht hat. Mit entlassenen Druckern würden sich die Mitmenschen jederzeit solidarisieren, mit entlassenen Schreibern nicht.
Ein Fall der nur auf den ersten Blick beide beschriebenen Facetten des Journalisten-Dilemmas verbindet, begegnet dem Leser der Novemberausgabe des „port01 Wiesbaden City-Flash“. Das schicke kleine Heft, das in 10.000er-Auflage kostenlos in der hessischen Landeshauptstadt verteilt wird (http://www.port01.com/Wiesbaden), widmet sich besonders dem Wiesbadener Nachtleben. Und so heißt die Kolumne des Journalisten Peter Schmidt in dem Heft folgerichtig „Wiesbaden Tag & Nacht“.
In der aktuellen Ausgabe verwöhnt uns der Journalist mit zwei persönlichen Anekdoten. Dabei lohnt sich vor allem die Lektüre der zweiten, in welcher der Mittvierziger (Alter vom Autor geschätzt) einen Schwank vom Stapel lässt, wie er mal vor sechs Jahren… aber bitte lesen Sie selbst:
Es begann normal. Ich hatte ein Date mit einer 22-Jährigen namens Britta, die ich in der Pizzeria „Tre-Stelle“ treffen sollte. Ich dachte mir: „Nicht teuer und wenn sie langweilig ist, bin ich sie in 45 Minuten wieder los.“ Irrtum, Sie war ein kleines, geiles Stück mit einem super Hintern
Holla, was für ein Einstieg! Da hat der Herr Schmidt uns schon gefangen, jetzt wollen wir natürlich wissen, wie das mit der 22-jährigen Britta weiter ging. Und wir werden nicht enttäuscht. Schmidt nimmt die Kleine im Taxi mit, wo sie ihm umgehend zeigt, „wie gut sie mit Zunge und Lippen umgehen konnte“. Boah, Schmidt du geile Sau! Spann uns nicht auf die Folter! Da müssen wir sogar kurz mal das Playboy-Heft aus der Hand legen, um uns zu fokussieren. Was passierte als nächstes?
Leider ruft die Freundin von Britta an, die sich gerade von ihrem Freund („Riesenarschloch“) getrennt hat. Die müssen sie natürlich erst mal abholen, weil Britta die Freundin, „eine verheult aussehende Grafikstudentin namens Ilka“, trösten muss. Pech für Schmidt, denn das vermasselt ihm natürlich voll die Tour. Denkste!
Da geschah doch noch etwas Positives: Britta machte eine Flasche Wodka auf, sobald wir in ihrer Wohnung angekommen waren, und die beiden schütteten ihn in sich rein, als seien sie verdurstende Kosaken
Bingo, Peter! Wenn da mal nicht noch was geht… Und richtig:
Als ich ins Wohnzimmer zurückkam, sah ich das (sic!) Britta und Ilka die Klappcouch ausgeklappt hatten. Ilka lag unter der Decke. „Komm rein“, rief sie, „wir schauen uns Filme an!“
Peter, uiuiuiuiuiuiui! Isjaderhammer! Da wird ja… Ihr habt doch nicht etwa…
Dann stieg Britta über mich und begann Ilka zu küssen. Sie rissen sich den Rest ihrer Kleider vom Leib. Mich ließen sie an der Kante des Schlafsofas frierend zurück. Doch Minuten später wurde meine Geduld belohnt.
Der Peter, Respekt! Da macht der mal eben die beiden jungen Dinger klar. Ein Dreier, wie er in einem schlechten Sexheftchen steht, wie aus „Eis am Stiel“; eine beinahe real erscheinende Altherrenfantasie. Fantasie? Quatsch! Peter spart schließlich nicht an Details, um das Erlebte zu belegen: „Es war mehr als großartig.“
Aber der Peter, dieser Hengst, zeigt uns auch seine nachdenkliche, ja, verletzliche Seite:
Auch wenn die Mädels bereit waren für eine lange Nacht und ich massenweise Kondome im Bad gesehen hatte, wollte ich gehen. Ein Teil von mir dachte, es wäre extrem „cool“ gewesen, einfach zu gehen, um so beim nächsten Mal noch sklavischere Ergebenheit zu erfahren.
An der Stelle gewährt uns Peter einen tiefen Einblick in sein Seelenleben. Er wird zum tragischen Helden, beinahe schillerschen Ausmaßes, denn: Es gibt kein nächstes Mal! Keine sklavische Ergebenheit.
Wir als Leser sind erschüttert, aber auch dankbar. Denn dank dieser plötzlichen Wendung der scheinbar vorhersehbaren Ereignisse versteht es der Journalist geschickt, die Vorurteile gegen seine Zunft zu entkräften. Wir lernen: 1. Es darf eben doch nicht jeder Depp schreiben, was ihm gerade so einfällt. 2. Journalisten sind keine Schmierfinken. Danke, Peter!
Samy Deluxe über „Dis wo ich herkomm“
Der Hamburger Rapper Samy Deluxe stellt sich im Wiesbadener Schlachthof auf einer Podiumsdiskussion zu den umstrittenen Zeilen seines Songs „Dis wo ich herkomm“:
http://www.wiesbadener-kurier.de/region/kultur/musik/7509433.htm
Erschienen im Wiesbadener Kurier am 22.09.2009, Autor: Felix Hooß
Schreibst du noch oder bloggst du schon? Gedanken zur Zukunft des Journalismus
Schreibst du noch oder bloggst du schon? Die Frage muss sich der ambitionierte Journalist von heute wohl gefallen lassen. Informationen im Netz sind unerschöpflich, jeder kann wann und wo immer er will, seine Meinung zu jedem x-beliebigen Thema kundtun. Jeder kann Journalist spielen, auch wenn er keine Qualifikationen und/oder Bildung besitzt; die einzigen Voraussetzungen sind ein Internetzugang und ein Computer – oder auch nur ein Handy.
Genüsslich wird jeden Tag aufs Neue die Abenddämmerung des Zeitungsjournalismus heraufbeschworen. Wenn etwa Medienmensch Nic Brisbourne auf paidcontent.org vergangene Woche über Zeitungen sagt:
Making a trip to the corner shop and buying a paper to find out what is happening in the world has shifted from being the only option to being the least good of a thousand options.
Der kluge (Zeitungs-) Journalist ignoriert derlei Prognosen nicht – der erste Reflex wäre sich wegducken und warten, bis der Spuk vorüber ist – sondern geht mit offenen Augen durch die vielfältige Medienwelt. Sich Trends nicht zu verschließen, sondern sie für sich zu nutzen, lautet das Gebot der Stunde. Die Nachrichten sind noch da, die Leser sind noch da, es gilt eben, sie auch über andere Kanäle zu erreichen. Brisbourne etwa sagt auch
The web is more than just a new medium. Rather than thinking about how they can sell the same old news via a new channel, media bosses should be taking this opportunity to re-examine old assumptions, to rebuild their product for the 21st Century.
Wäre ja schlimm, wenn das 21. Jahrhundert ohne fähige Journalisten stattfinden würde. Ohne mich. Deshalb eröffne ich diesen Blog, um künftig regelmäßig meinen Senf dazu zu geben.
Ach übrigens: Google spuckt für Nic Brisbourne 7.850 Treffer aus, für Felix Hooss 7.350. Da ist also noch gar nichts verloren.
Hello world!
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Was einem besonders bei der deutschen Bloggerszene auffält, ist, dass sie zwar viel redet, aber nichts zu sagen hat. Da gibt es nicht das Alternativmedium analog zur us-amerikanischen Huffington Post. Nehmen wir das Gesicht des Web 2.0 (und von Vodafone), Sascha Lobo. Der Mann mit dem roten Iro ist zwar überall präsent, sagt aber im Grunde nichts. Seine Ergüsse drehen sich um das Medium Internet selbst. Das wäre wie eine Zeitung, die nur über Zeitung schreiben würde. Wie langweilig… Politische Meinungen sucht man – auch wenn Lobo im Online-Beirat der SPD sitzt – vergebens. Es sei denn, es dreht sich um das Thema Freiheit im Netz. Dann schreibt der alte Lobo fleißig zornige Beiträge, damit auch keiner auf die Idee kommt, wie Frau Ministerin von der Leyen den Zugang zu irgenwelchen (Schmuddel-) Seiten zu beschränken.